Heute schon enthastet? Erfahrungsbericht mit autofreier Mobilität in Werfenweng

 

Freundlich lächelnd aber bestimmt greift die Dame im Fremdenverkehrsbüro nach unserem Autoschlüssel und lässt ihn im Safe verschwinden. „Den bekommen Sie am Sonntag zurück!“ informiert sie uns. So beginnt unser Kurzaufenthalt in Werfenweng im Salzburger Land, oberhalb von Bischoffshofen. Ein langes Wochenende nutzen wir zu einer Exkursion in den Ferienort im Tennengebirge, wo man sich in den letzten Jahren mit einem schlauen Gesamtkonzept zu sanfter, autofreier Mobilität und entspannter „Enthastung“ einen Namen gemacht hat.

Die Dame in der Touristeninformation nimmt uns nämlich nicht nur etwas ab, sondern händigt uns im Gegenzug dafür zwei SAMO-Pässe aus. Dort werden die Angebote zur „Sanften Mobilität“ beschrieben, auf die wir in den nächsten Tagen ein Anrecht haben: Ein Ausflug mit dem Mountainbike? Kein Problem, in langen Reihen stehen Leihfahrräder auf dem Dorfplatz und warten auf einen Ausritt. Oder doch eher elektrisch betriebene Spaßmobile? In allen Formen und Farben stehen Gefährte zur Verfügung, so dass uns die Auswahl schwerfällt. Wir beginnen dann mit dem Biga den Ort zu erkunden. Aufrecht stehen wir auf einem leuchtend gelben Gefährt, die Einweisung hat ca. fünfzehn Sekunden gedauert. „Da ist die Bremse, hier beschleunigst Du. Viel Spaß!“

Heike Geißler auf einem Biga in Werfenweng
Leise surrend machen wir die erste Runde durch den Ort und während wir überall sonst mit den ungewöhnlichen Fahrzeugen für viel Aufsehen und Gelächter gesorgt hätte, ist dies in Werfenweng inzwischen ein vertrauter Anblick, seitdem der Ort im Jahre 1995 begann, nach einer Antwort auf sinkende Besucherzahlen zu suchen. Recht bald war die Idee von der Sanften Mobilität geboren und als das österreichische Lebensministerium nach einem Modellort für nachhaltige Tourismuskonzepte suchte, bewarb man sich und wurde ausgewählt. Im geeigneten Moment abgerufene Fördermittel der EU taten ein Übriges und heute steht auf dem Dorfplatz ein großer Sonnenturm, dessen Solarzellen die Elektromobile aufladen, ein Taxi ist abrufbereit um die Besucher gratis zu Zielen im Ort zu chauffieren und ein Shuttle steht den Gästen für den kostenlosen Transfer vom Bahnhof Bischoffshofen zur Verfügung. Das Shuttle, das wir an dieser Stelle auch Stadtbus nennen können, hat dabei sinnigerweise die Möglichkeit, neben den Gästen auch deren Fahrräder zu transportieren.
 
Insgesamt heißt „autofrei“ nach Werfenwenger Lesart nicht, dass am Ortseingang die PKWs abgestellt werden müssen und im Ort verboten sind. Stattdessen schafft der Ort so viele Angebote, dass man schlicht nicht mehr auf die Idee kommt, weiter mit dem eigenen Wagen zu fahren. Wichtiger noch im Hinblick auf die gesamte Klimabilanz des Urlaubs: Wird die Anreise wird so mit der Bahn verzahnt, dass immer mehr Gäste gleich ganz mit dem öffentlichen Verkehr anreisen, lassen sich noch höhere CO2-Einspareffekte erzielen.
 
Wir haben unsere Rundfahrt durch den Ort beendet und schauen in die imposanten Wände des Tennengebirges hoch – ein Ausflug zur hoch über dem Dorf gelegenen Elmaualp schwebt uns vor. Rasch sind die spaßigen Elektromobile gegen Fahrräder eingetauscht. Während sich Heike ein E-Flyer Fahrrad leiht, wählt Stefan sozusagen als Referenz ein traditionelles Mountainbike. 600 Höhenmeter über steinige Bergwege sind zu überwinden. Das muskelbetriebene Rad hat keine Chance: Auch Stefans sicher strammere Wadeln können nicht verhindern, dass Heike entspannt davon zieht. „Elektrisch unterstützt“ wird die Fahrerin dabei: Der Elektromotor hilft beim Treten und im Zusammenspiel mit althergebrachter Muskelkraft wird der Anstieg zum Kinderspiel. Praxistest bestanden!, lautet das Resümee, als wir wenig später auf der Alm vor unserem Bier sitzen – den Akku immer noch halb voll und mit nur einem durchgeschwitzten T-Shirt. Das E-Fahrrad müssen wir im Geiste neu einordnen – vom Schnickschnack zum sinnvollen Fahrzeug für alle, die in hügeligen oder gar bergigen Gegenden wohnen und ohne Auto mobil sein wollen, ohne im Alltag sportliche Höchstleistungen vollbringen zu wollen. Wie hoch geht es nochmal zu Hause in Neckargemünd auf den Dilsberg?
 
Stefan und Heike Geißler nebem Bürgermeister Dr. Peter BrandauerZurück im Tal profitieren wir von den kurzen Wegen in Werfenweng und wollen den Mann kennenlernen, mit dem all das begann. Bürgermeister Dr. Peter Brandauer hat Zeit für ein Interview und schildert bescheiden, wie sich der Ort in den letzten Jahren eine neue Perspektive gegeben hat. Natürlich habe es anfangs Kritiker gegeben. Bei den Wahlen nach dem Beginn des Projektes habe gar eine eigens gegründete Liste von SAMO-Gegnern fünf der dreizehn Sitze im Gemeinderat erobert. Aber man habe Kurs gehalten und heute werden allenthalben die Vorteile gesehen: Die Gästezahlen seien um 30% gestiegen, in den SAMO-Hotels (nicht alle Unterkünfte machen mit) sogar um über 70%. Den Bürgermeister der 900-Seelen-Gemeinde unterhalb des Bleikogels lädt man heute zu Vorträgen nach Norwegen und Japan ein und neulich war Werfenweng Gastgeber der österreichischen Tourismustage. „Alpine Pearls“ heißt der Verein, in dem sich Werfenweng mit anderen Orten im gesamten Alpenraum zusammengeschlossen hat, um eine andere Art des Tourismus anzubieten: Autofreies Erleben der Berge, Regenerative Energien am Ort, den Naturbadeteich am Ortsrand.
 
Letzter Tag: Mobilitätsmäßig sind wir nun reif für das vielleicht ungewöhnlichste Gefährt im Werfenwenger Fuhrpark: Zwei Segways stehen für uns bereit, eine Art elektrischer Roller, der allein durch die Verlagerung des Körpergewichts gefahren wird und der unserem letzten Ausritt einen Hauch von Science Fiction, mindestens aber Silicon Valley gibt. Der Segway scheint sogar hier am Ort ein ungewöhnlicher Anblick zu sein und sorgt für viele amüsierte Blicke und interessierte Nachfragen. Beeindruckt von soviel sanfter Mobilität steht steigen wir zum Abschluss – diesmal ganz ohne Fahrzeug – auf den Tauernkogl und blicken ans Gipfelkreuz gelehnt auf den fast eineinhalb Kilometer unter uns liegenden Ort hinab: Eine echte Perle haben sich die Werfenwenger da geschaffen. Und sofort denken wir an unser Städtchen zu Hause: Ist Neckargemünd nicht ebenfalls eine echte Perle, eine Odenwald-Perle halt? Angetrieben von einem leise summenden E-Motor zur Festung Dilsberg hinauf, solar-erzeugten Strom im Akku: Das würde sicher auch so manchem Neckargemünd-Besucher Spaß machen.
Stefan & Heike Geißler
Mehr Informationen: www.werfenweng.org